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acvProfil 10-2014 - Murks auf Rekordniveau

Rückrufaktionen

ASTRONOMISCHE KOSTEN: GM ZAHLT 2,5 MILLIARDEN Abgesehen vom massiven Image-Scha- den verursachen die Rückrufe bei den Herstellern auch astronomische Kosten. Allein im Fall von General Motors schät- zen Branchenexperten die rückrufbe- dingten Aufwendungen auf 2,5 Milliar- den Dollar – eine Summe, die auch eu- ropäische Hersteller nervös werden lässt. Prof. Stefan Bratzel, ehemals selbst als Produktmanager in der Auto- branche tätig und seit 2004 Leiter des CAM-Instituts, geht davon aus, „dass die Massenrückrufe bei GM in der In- dustrie einen noch nie da gewesenen Dominoeffekt ausgelöst haben.“ Fast al- le Hersteller seien durch die hohe öf- fentliche Aufmerksamkeit aufgeschreckt und würden seitdem sämtliche Kompo- nenten ihrer Fahrzeuge überprüfen. RISKANTES SPARPOTENZIAL: GLEICHTEILSTRATEGIE Darüber hinaus hat Mobilitätsforscher Bratzel fünf Hauptfaktoren für den massiven Anstieg in der Rückrufstatis- tik ausgemacht: Nach seinen Erkennt- nissen werden die Autos zwar immer sicherer, gleichzeitig aber auch tech- nisch komplexer, was die Fehleranfäl- ligkeit erhöht. Zudem sei wegen des hohen Wettbewerbsdrucks das Tempo bei der Entwicklung immer weiter ge- steigert worden – das wirke sich jetzt negativ auf die Qualitätssicherung aus. Dass aus Kostengründen immer größe- re Anteile an der Entwicklung auf Zulie- ferer verlagert würden, erschwere das Qualitätsmanagement ebenfalls. Auch der allgemein gestiegene Kostendruck birgt laut Bratzel Gefahren für die Pro- duktqualität. Schließlich könnten die Hersteller mit den immer häufiger an- gewandten Gleichteilestrategien zwar Kosten sparen – im Fall von Problemen mit einzelnen Komponenten sei aber gleich eine riesige Zahl von Fahrzeugen betroffen. SKURRIL: RÜCKRUF WEGEN SCHMINKSPIEGEL Einen weiteren Grund benennt Carlos Ghosn, Chef des Renault-Nissan-Kon- zerns und Präsident der europäischen Herstellervereinigung ACEA: Die Auto- bauer müssten inzwischen derart hart um ihre Kunden kämpfen, dass sie die- se Beziehung nicht durch Qualitäts- probleme gefährden wollen. Deshalb werde bereits bei relativ geringfügigen Anlässen zum Instrument des Rückrufs gegriffen. Ein skurriles Beispiel für die hohe Sensibilität der Unternehmen lie- ferte unlängst Chrysler: Die Fiat-Toch- ter rief weltweit rund 900 000 Exem- plare des Jeep Grand Cherokee und Dodge Durango in die Werkstätten – wegen drohender Kurzschlüsse am Schminkspiegel. acv Profil 10/14 11 Was Sie wissen sollten Gefühlt ruft nahezu jede Woche ein Hersteller Autos zum Nachbessern in die Werkstatt. Manche Fehler sind nur ärgerlich und lassen sich mit ein wenig Geduld bis zur nächsten plan- mäßigen Inspektion ertragen. Andere Probleme wiederum berühren die Si- cherheit. Können konstruktive Fehler oder Mängel an Teilen von Radauf- hängung oder Lenkung aber dazu führen, dass das Auto den Lenkbe- fehlen nicht mehr gehorcht, ist dies ein Problem mit Gefährdungspoten- zial. Dann muss der Hersteller alle betroffenen Fahrzeughalter umge- hend per Briefpost zur Nachbesse- rung in die Werkstatt rufen. Hierzu nutzen manche Firmen die Daten- bank des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA). Das muss als Produktsicher- heitsbehörde bei erkannten Sicher- heitsmängeln ohnehin informiert werden und kann Rückrufaktionen auch anordnen. Trotzdem gibt es dabei Streuver- luste, denn Rückrufe erfolgen oft erst nach Jahren – und so manches Auto hat in dieser Zeit einen neuen Besitzer gefunden. War der noch nicht in einer Vertragswerkstatt, ist er dem Hersteller unbekannt und der Rückruf geht an den letzten bekann- ten Eigentümer. Der wiederum er- weist sich als verantwortungsvoller Zeitgenosse, wenn er den Rückruf- brief nicht achselzuckend in den Pa- pierkorb wirft, sondern dem Herstel- ler Name und Anschrift des neuen Besitzers mitteilt. Verlassen kann man sich darauf aber nicht, und des- halb sollte man beim Gebrauchtwa- genkauf das Sicherheitsrisiko mini- mieren: Clevere Käufer notieren sich die Fahrgestellnummer und fragen einen Vertragshändler, ob der Wunschgebrauchte von Rückrufak- tionen betroffen war. Sind noch Ar- beiten zu erledigen, muss die Werk- statt diese auch beim späteren Besitzer ausführen. Rückrufaktionen sind nicht nur kostenlos, bei längeren Reparaturen haben Betroffene auch Anspruch auf einen Leihwagen. Die Kosten trägt grundsätzlich der Her- steller, auch wenn das Auto schon einige Jahre und viele tausend Kilo- meter auf dem Buckel hat. 1Großes Auto, kleiner Fehler: Beim Jeep Grand Cherokee gab es einen Rückruf wegen Kurzschlüssen am Schminkspiegel 1 Viele Faktoren: Prof. Stefan Bratzel vom CAM-Institut sieht die Gründe für die Rück- rufwelle in immer kürzeren Entwicklungs- zyklen, dem hohen Kosten- und Wettbe- werbsdruck und der komplizierteren Technik 1Harter Kampf: Laut Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn ist der Kampf der Hersteller um die Kunden inzwischen so hart, dass man die Beziehung zum Kunden nicht durch Qualitätsprobleme gefährden will ter rief weltweit rund 900000 Exem- acv Profil 10/1411

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